Interview mit Annette Hussong

Direktorin für Public & Regulatory Affairs im Washingtoner Büro eines groβen deutschen Unternehmens

1. Joe Biden wurde am 20. Januar als neuer Präsident in Washington vereidigt. Normalerweise eine große Feierlichkeit mit zehntausenden Menschen. Dieses Mal glich die Stadt einem Hochsicherheitstrakt. Konnte man als Besucher überhaupt dort hingehen? Wie war die Lage?

Die erste Amtseinführung, an der ich teilnahm, war 1993 die von Bill Clinton. Später habe ich die Amtseinführungen von George W. Bush und Barack Obama miterlebt. Mir sind der Jubel und die jeweils festliche Atmosphäre noch heute präsent. Hunderttausende Menschen auf der Museumsmeile vor dem Kapitol, die Festumzüge mit Musikgruppen und Tänzern. Überall waren Verkaufsstände mit Flaggen und Ansteckern, Eltern waren unterwegs mit ihren Kindern, um das historische Ereignis mitzuerleben. Aus allen Ecken der USA waren Besucher angereist, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen oder weil sie eine Eintrittskarte für einen der Bälle am Abend ergattert hatten. Präsident Bidens Amtseinführung am 20. Januar hingegen war komplett anders. Wie alle anderen Amerikaner verfolgte ich die Veranstaltung über das Internet und am Fernseher. Downtown DC, obwohl nur wenige Kilometer von mir entfernt, war aus Sicherheitsgründen vollständig abgeriegelt. Nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar wollten die Behörden kein Risiko eingehen. Glücklicherweise ist nichts passiert. Hat es die Feierlichkeiten getrübt? Vielleicht. Aber dann auch wieder nicht. Die Online-Präsentation der Zeremonie war perfekt organisiert, die Kameras waren nahe dran, und man hatte das Gefühl, „dabei“ zu sein. Am allerbesten: Man bekam keine kalten Füβe! Die Amerikaner wären nicht Amerikaner, wenn sie nicht aus einer Zitrone Limonade machten, wie es in einem Sprichwort hier heiβt. Es wurde eben alternativ gefeiert: Straßenfeste (mit Maske und distanziert), Zoomparties, und abends beeindruckte ein weithin sichtbares Feuerwerk auf der Museumsmeile.


2. Fast zwei Wochen vorher wurde Washington quasi „abgeriegelt. Können Sie ein bisschen beschreiben, wie es in der Stadt zuging? Und hatten die Amerikaner dafür Verständnis?

Die Stimmung in der Stadt war gedrückt. Der Ansturm auf das Kapitol am 6. Januar war erschreckend gewesen. So etwas war erst einmal in der Geschichte der USA, 1812, passiert. Viele empfanden den Angriff als eine direkte Attacke auf das institutionelle Herz der amerikanischen Demokratie. Die anschließende Präsenz von Polizei und mehr als 25.000 bewaffneter Truppen im Zentrum Washingtons verstärkte das Gefühl, dass man sich in einer Kriegszone befindet. Es wurde von einer „Red Zone“ und einer „Green Zone“ gesprochen, wie in Bagdad nach dem Irak-Krieg. Alles war abgesperrt und abgeriegelt. Eine Bekannte, die bei dem islamistischen Terror-Angriff von 9/11 in der Nähe des Kapitols lebte, sagte, es habe sie an diese Zeit erinnert. Das Furchtbare für viele hier war, dass man diesmal Amerikaner vor anderen Amerikanern schützen wollte und nicht vor ausländischen Angreifern wie damals 2001. Eine tieftraurige Situation.

3. Frau Hussong, Sie sind unterwegs in Unternehmen und bei politischen Entscheidern in den USA. Wie ist die Stimmung? Was wird von Joe Biden erwartet? Und was erwarten Sie?

Am Tage der Amtseinführung stiegen alle drei amerikanischen Börsenindizes, ein Zeichen, dass Investoren positiv auf den Regierungswechsel reagieren. Unternehmen brauchen politische und regulatorische Stabilität. Sie wollen wissen, wohin die Reise geht. Biden und seine Kabinettsmitglieder sind etablierte Persönlichkeiten, regierungserfahren, und viele waren auch bereits in der Wirtschaft tätig. Bidens Top-Prioritäten, nämlich die Bekämpfung des Coronavirus und die Erneuerung der Wirtschaft, kommen allen zugute und finden breite Unterstützung. Sicherlich gibt es noch viele offene Fragen, zum Beispiel inwiefern der Kongress ein weiteres Wirtschaftsförderungspaket oder Bidens andere Vorhaben bezüglich Umwelt, Infrastruktur und Steuerpolitik unterstützt. Desweiteren muss der Senat weitere Kabinettsmitglieder und andere politische Besetzungen ja noch offiziell bestätigen, bevor die Regierung voll handlungsfähig sein wird. Das ist kein Automatismus. Der Kongress ist gespalten, und momentan verhandeln die Senatsführer der Demokraten und der Republikaner noch über die Spielregeln für die kommende Legislaturperiode. Für die transatlantischen Beziehungen ist die neue Administration eine positive Entwicklung. Mit Biden und Auβenminister Antony Blinken wird es neue Chancen für Zusammenarbeit geben. Deutschland wird dabei eine wichtige Rolle zukommen. Die unmittelbaren Herausforderungen sind groβ – Pandemie, Umweltschutz, die Ankurbelung der Wirtschaft und die Frage, wie man sich geopolitisch gegenüber China und Russland aufstellen will. Die USA stehen auch vor immensen innenpolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die einen groβen Teil der Aufmerksamkeit der Regierung auf sich ziehen werden. Mein Eindruck aus Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern, Diplomaten und politischen Beratern und aus dem Medienecho in den USA jedoch ist, dass Washington bereit und interessiert ist, die Zukunft auch multilateral anzugehen. Washington sieht dabei Europa als einen wichtigen und strategischen Partner an. Diese Chance sollten Deutschland und die EU selbstbewusst nutzen. Wir haben so viel zu bieten an Wissen und Ideen. Mich persönlich interessiert dabei, wie wir junge Menschen einbinden in die Gestaltung der Zukunft. Die junge Generation ist motiviert, engagiert und in vieler Hinsicht abgeklärter als die Jugend früher. Da ist Potenzial, das genutzt werden sollte.
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