Interview mit Felix Saible, Gründer des ersten Fintainment-Start-ups

Herr Saible, Sie haben ein Brettspiel entwickelt, das Spielerinnen und Spieler Finanzthemen näher bringen soll. Es heißt Token Economy. Worum geht es bei diesem Spiel?
 
TOKEN ECONOMY ist ein Spiel für 2 bis 6 Personen. Zentrales Spielelement ist der Handel untereinander und an den Börsen. Jeder Spieler startet auf LOS mit einem Grundstock an Geld und hat dann im Verlauf die Möglichkeit, verschiedene Assets zu kaufen. Und da man – im Vergleich zu einer klassischen Aktie – beinahe alles auf die Blockchain bringen, sprich tokenisieren kann, ist hier auch so ziemlich alles vertreten: von Nachtclubs über Firmen, Lizenzrechte, Fußballspieler-Transfers bis zu einem Fonds oder Skiliftbetreiber. TOKEN ECONOMY hat dabei einen sehr starken geografischen Bezug zur Schweiz und zu Liechtenstein und bildet ausschließlich reale Orte, Objekte und Akteure ab.
 
Dazu gibt es auf dem Spielfeld zwei Börsen: Zürich und Vaduz, die man erwerben kann. Wer sich eine Börse sichert, ist ein wenig im Vorteil, weil man dann Handelsgebühren von den anderen Spielern erhält. Sobald die erste Börse verkauft ist, können alle Spieler ihre Assets tokenisieren und mit Kryptowährungen handeln. Für letzteres gibt es Kursfelder und zugehörige Karten, auf denen jeweils der aktuelle Kurs von fünf Kryptowährungen abgebildet ist. Die Tokenisierung erfolgt entweder freiwillig oder auf Basis von externen Einflussfaktoren, zum Beispiel Ereigniskarten. Bei dem Kryptohandel geht es darum, das eigene Vermögen zu steigern. Bei der Tokenisierung darum, allein oder im Team gegen andere möglichst clevere Beteiligungen aufzubauen, um einerseits Vermögen mittels Dividendenzahlungen aufzubauen und sich andererseits gegen Kostenfallen abzusichern. Zudem gibt es noch das HODL-Feld, einen Begriff aus der Blockchainszene, auf dem alle Spieler mit Kryptowährungen belohnt werden und mit ihren Drinks anstoßen müssen oder dürfen.
 
Es gewinnt der Spieler oder das Team mit dem höchsten Vermögen. Dabei kann TOKEN ECONOMY sehr lange gespielt werden, und den Spielern steht es frei, wann sie aufhören möchten.
 
Wie kam es zu dieser Idee?
 
Dominik, mein Co-Founder, und ich kommen aus der Finanzbranche und arbeiten bei derselben Bank. Wir wissen daher, dass viele Menschen zu Finanzthemen keinen Zugang finden beziehungsweise sich schwertun dranzubleiben. Dominik arbeitet im Business Development, und ich verantworte das gesamte Marketing der Bank. Unsere Bank war dabei zufälligerweise Pionier im Bereich Blockchain-Banking, also Konten für Blockchain-Firmen, Kryptohandel im regulierten Umfeld, Finanzprodukte wie Zertifikate auf Kryptobasis, Tokenisierung von Assets, Stablecoins und mehr. Damit sind wir recht früh mit dem Thema in Verbindung gekommen.
 
Zudem war ich letztes Jahr bei einer Weiterbildung zum Thema Blockchain und habe erlebt, dass sogar den meisten Fachleuten komplett der Zugang zum Thema fehlt – da war die Idee zu TOKEN ECONOMY geboren. Allein schon, weil bisher niemand daran gedacht hat, ein Brettspiel zum Thema zu entwerfen, fand ich die Idee reizvoll. Alle reden von Digitalisierung, und wir entwickeln ein analoges Brettspiel – das fällt aus dem Rahmen. Außerdem bieten wir damit Blockchain zum Anfassen, und das kann sonst niemand behaupten. Den Leuten ermöglichen wir so einen spielerischen Lerneffekt.
 
Da Blockchain-Finance noch recht neu und komplex ist, das Thema aber in den kommenden Jahren immer mehr bei Endkunden landen wird, haben wir uns überlegt, das Ganze spielerisch darzustellen. So können sich Leute im privaten Umfeld der Thematik nähern, haben die wichtigsten Begriffe schon mal gehört, erlernen das Prinzip der Tokenisierung und erfahren weitere nützliche Facts aus dem beiliegenden Booklet, das auch die Geschichte von Blockchain und ihren Anwendungen in der Schweiz und in Liechtenstein aufzeigt. An dieser Stelle möchte ich gern erwähnen, dass wir völlig unabhängig von der Bank agieren – das ist uns sehr wichtig. Es ist vollständig unsere Idee, und wir möchten damit zur Aufklärung beziehungsweise ein wenig zum Wissen um das Finanzwesen beitragen und vielleicht dafür sorgen, dass sich Menschen für solche Themen begeistern können und sie nicht vor sich herschieben.
 
Finanzthemen können sehr kompliziert sein. Wie sind Sie an die Entwicklung des Spiels herangegangen, damit jeder das Thema verstehen kann?
 
Wir haben die Themen für TOKEN ECONOMY natürlich vereinfacht und in einen intuitiven Spielmechanismus verpackt. Im Endeffekt dreht sich alles um Kauf und Handel und darum, seine Gegner zu übertrumpfen beziehungsweise auszustechen. Bei uns sind eben Token und Kryptowährungen im Spiel. Dieser Mechanismus ist zunächst einmal die Grundlage für sehr viele Spiele und damit schon mal den meisten bekannt.
 
Damit die Spieler nicht überfordert sind, gibt es zudem ein ausführliches Booklet, das die wichtigsten Begriffe und die Geschichte von Blockchain in der Schweiz und in Liechtenstein beschreibt. Für gute Unterhaltung sorgen der geografische Bezug auf dem Spielfeld, auf dem zumindest Schweizer Spieler eventuell ihre Nachbarschaft wiederfinden, sowie lustige Ereigniskarten, ein Feld zum Anstoßen und weitere Goodies. Profis zaubern wir mit TOKEN ECONOMY ein Lächeln ins Gesicht – schließlich machen wir etwas physisch erlebbar, was sie sonst vom Laptop kennen.
 
Als Neulinge beziehungsweise Quereinsteiger im Bereich Gamification ist uns die Entwicklung dabei eventuell leichter gefallen, da wir TOKEN ECONOMY von Anfang selbst aus der Konsumentensicht betrachtet haben. 
 
Aktuell läuft eine Crowdfunding-Kampagne bei „wemakeit“, einer Crowdfunding-Plattform in der Schweiz. Sind Sie bisher damit zufrieden? Ab wann rechnen Sie damit, wird das Spiel erhältlich sein? Und wo?
 
Nach einer guten Woche hatten wir bereits mehr als ein Drittel von unserem Fundingziel von 45.000 Schweizer Franken erreicht, mittlerweile kratzen wir sogar an der Hälfte unseres Fundingziels! Die Crowd macht also mit, und wir sind bisher hellauf begeistert. Mit einem solchen Erfolg für ein Nischenspiel, das noch dazu ein Finanzthema aufgreift, hätten wir nicht gerechnet.
 
Unsere Kampagne läuft nun noch bis zum 14. November. Sollten wir bis dahin den vollen Betrag erhalten und mit unserem Crowdfunding erfolgreich sein, geben wir TOKEN ECONOMY noch Ende November bei unserem Hersteller in Auftrag – die Auslieferung erfolgt dann ca. im Frühling 2021. Corona und das Weihnachtsgeschäft haben dafür gesorgt, dass die Auftragsbücher unseres Produzenten ziemlich voll sind, in diese Schlange müssen wir uns leider einreihen.
 
Obwohl wir mit TOKEN ECONOMY eine absolute Nische besetzen, möchten wir damit im Fachhandel und in Onlineshops vertreten sein. Im Gespräch sind wir aktuell mit einigen Zürcher Spielehändlern sowie mit zwei großen Schweizer Online-Versandhändlern, die uns listen würden. Auch für den deutschen Markt haben wir bereits einen Händler im Auge – dieser ist eingebunden in ein Medienunternehmen und möchte TOKEN ECONOMY in seinem Academy-Bereich vertreiben. Noch stärker im Vordergrund stehen für uns allerdings der B2B-Bereich und Bildungsträger. Mit einigen Hochschulen aus der Schweiz und in Liechtenstein sowie einer Kantonsschule sind wir da sogar schon in Verhandlung. Gerade weil es ein völlig neuer Ansatz ist, ist es für sie interessant. Das gleiche gilt für Unternehmen, die das Thema auf diese Weise ihren Kunden und Mitarbeitern zugänglich machen wollen.
 
Ihre Firma heißt „bots don’t cry“ und möchte als erstes Fintainment-Unternehmen überhaupt die ganze Welt der neuen Finanzindustrie und ihrer Technologien über Spiele erklären. Haben Sie neben „Token Economy“ schon Ideen für weitere Spiele? Welche Themen möchten Sie als nächstes angehen?
 
Wir haben bereits eine ganze Liste an Ideen, möchten hierzu aber noch nichts Genaues verraten. Aber vielleicht so viel: Unser nächstes Spiel wird sehr lustig und lässt sich prima auf Reisen mitnehmen. Daneben möchten wir im kommenden Jahr die Digitalisierung von Banken und Finanzunternehmen in ein Spiel übersetzen.
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