Interview mit Isabella Pfaff über die Medienresonanzanalyse von mfm zum deutschen Engagement in Mali

1. Frau Pfaff, die Bundesregierung überlegt gerade, die Bundeswehr aus Mali abzuziehen. Kommt Ihre Analyse zu spät und sind die Ergebnisse der Studie damit irrelevant?


Ganz im Gegenteil. Eine Medienresonanzanalyse ist ja sozusagen ein „medialer Spiegel“, der  konkrete politische Handlungen, Vorkommnisse und Einschätzung der handelnden Akteure reflektiert. In diesem Fall den Einsatz der Bundeswehr in Mali von 2013, bis 2021. Wir haben den Auftrag um eine Jahr erweitert, weil sich durch den Militärputsch 2021 politische Disruptionen in Mali abzeichneten. Man kann jede Menge Lehren aus dieser Resonanzanalyse ziehen - u.a. war bereits 2020 abzusehen, dass der Einsatz in Mali auf der Kippe steht. Das haben wir auch deutlich so beschrieben. Und natürlich kann man daran wunderbar ablesen, wo die Schwachstelle des Einsatzes waren, denn ein Spiegel reflektieren was ist; ist etwas nicht da oder findet etwas nicht statt, wird auch nicht darüber berichtet. Zusammenfassend lautet die politische Analyse und die Botschaft an die ehemalige Bundesregierung also: Wenn man keine Strategie hat, kann man sie auch nicht kommunizieren, ergo wird auch nicht darüber berichtet. Und das wird eben sehr deutlich. 

2. Die Bundeswehr ist auch in anderen Kriegsgebieten im Einsatz. Warum muss die Lage in Mali aus kommunikativer Sicht besonders beachtet werden? 


Mali war der zweitgrößter Einsatz der Bundeswehr im Ausland, und nach dem Abzug aus Afghanistan, ist es jetzt unser größtes Auslandsengagement. Man könnte also meinen, dass es die deutsche Öffentlichkeit oder die deutschen Medien interessieren müssten. Das tut es aber nicht. Die Berichterstattung darüber ist sehr übersichtlich und fast nur anlassbezogen. Heißt: Wenn was passiert, wie beispielsweise der TIGER-Hubschrauberabsturz, wird berichtet. Ansonsten findet Berichterstattung kaum statt und eben auch kaum Hintergrundberichterstattung. Und da muss man schon die Frage stellen - warum interessiert dieser Auslandseinsatz nicht zumal es da interessante Unterschiede in der Quantität der Berichterstattung gab: eher konservativ ausgerichtete Zeitungen wie die FAZ und Die Welt haben sehr viel häufig über den Einsatz in Mali berichtet, als liberal bis eher linksgerichtete Zeitungen. Auch haben viele größere Regionalzeitungen mehr Berichte über Mali in ihren Blättern gehabt, als beispielsweise die Süddeutsche Zeitung oder sogar der Spiegel. Hierzu die wichtige Anmerkung: wir haben nur die Print-Ausgaben der TIER 1 Medien untersucht, dazu den Spiegel und Die Zeit sowie vier größere Regionalzeitungen, aus dem Norden, Westen und Süden der Republik. Also keine Fernseh- oder Radioberichterstattung.


3.Und was ist die Antwort, warum interessierte trotzt aller Unterschiede die deutschen Medien kaum, was die Bundeswehr da in Mali machte?

Die Antwort setzt sich natürlich aus mehreren Faktoren zusammen - wenn wir aber strikt bei der Medienresonanzanalyse bleiben, dann muss man zu aller erst feststellen, dass die Berichterstattung aus Mali immer im Schatten der Afghanistan-Einsatzes stand. Afghanistan war gefährlicher und weltpolitisch bedeutender, damit auch medial interessanter und wichtiger. Zweitens ist es in Afghanistan gelungen, ein ethisch begründetes, kohärentes Narrativ aufzubauen, das da hieß: wir kämpfen dort, damit Frauen und Mädchen wieder in die Schule gehen können. Das war natürlich einen wunderbare mediale Botschaft und hatte ein sinnstiftendes Element. Ein solches Narrativ gab es für Mali nie und ein späteres Framing ist misslungen. Von Anfang an war es ein militärisch robuster Einsatz, eine „Stabilisierungs-Mission“ um die französischen Streitkräfte zu unterstützen und die Integrität und Stabilität Malis wieder her zu stellen, die durch islamistische Milizen bedroht war. Genau so trocken wie es klingt war die Beschlussempfehlung für den deutschen Bundestag und genau so trocken hat es der damalige Verteidigungsminister de Maizière der Presse beim ersten Kommunikationsaufschlag am 19. Februar 2013 der deutschen Presse vermittelt. Fasst man zusammen, dann kann man sagen: Geliefert wie bestellt. Mit dem was an Erklärung in der Auftaktkommunikation eingespeist wurde, hat die Presse gearbeitet. Damit wurde eine große Chance verpasst. Kommunikativ aber auch politisch.

4. Das heißt also, dass in der Berichterstattung das militärische Narrativ vorrangig war, und nicht das des „vernetzten Ansatzes“?

So ist es. Wenn es das Ziel der Bundesregierung gewesen sein sollte den Begriff vom „Vernetzten Ansatz“ in der medialen Kommunikation zu verankern, so hat sie dieses Ziel verfehlt.
Der Begriff schafft es in über einem Jahrzehnt der Berichterstattung aus Mali nicht über die mediale Wahrnehmungsschwelle. Das verwundert besonders angesichts der Tatsache, dass der „Vernetzte Ansatz“ bereits seit 2006 im Weißbuch der Bundeswehr erwähnt wurde und seitdem die außen- und verteidigungspolitische (Theorie-) Diskussion dominiert. Vor allem in der Debatte über den Erfolg oder Misserfolg des vernetzten Ansatzes in Afghanistan spielte der Begriff eine große Rolle. Vernetzter Ansatz bedeutet, dass sich zivile und militärische Instrumente ergänzen mit dem Ziel der präventiven Problemlösung. Der „vernetzte Ansatz“ wird in der Kommunikation der Bundesregierung so gut wie nicht erwähnt. Er steht auch nicht als Begriff in der Beschlussempfehlung an den Deutschen Bundestag. Hinsichtlich dieses Ergebnisses darf man dann die Fragen stellen, wie wichtig der Bundesregierung die Zusammenarbeit mit zivilen Kräften vor Ort wirklich war


5. In Mali sehen wir nun eine deutliche Hinwendung Richtung Russland; Wagner Söldner sind vor Ort, Russland liefert Waffen und die Putschisten-Regierung geht aktiv gegen die UNISMA Mission vor. Außenministerin Annalena Baerbock hat mittlerweile verkündet, dass die Bundeswehr trotz der schwierigen Lage im Land bleiben sollte. Wie schätzen Sie die Lage ein,  angesichts der Anwesenheit von deutschen Truppen und russischen Söldnern in Mali? Könnte Mali ein neues Spannungsfeld in den schon angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Russland werden? 

Diese Fragen lassen sich nur mittelbar aus der Medienresonanzanalyse ableiten - aber das Verbleiben der Bundeswehr, vor allem nach Abzug der Franzosen, macht eher den Eindruck, dass man nicht genau weiß, was man jetzt machen soll und Zeit gewinnen will. Stichwort: Keine Strategie, wie bereits ausgeführt. Und nicht nur die Sahelzone, ganz Afrika ist natürlich bereits länger ein internationales Spannungsfeld. Laut Friedensforschungsinstitut SIPRI ist Russland für fast die Hälfte aller Waffeneinfuhren nach Afrika verantwortlich - noch vor Frankreich, den USA und China. Die Länder bezahlen im Gegenzug mit Rohstoffen. In Mali könnte es sogar um Uran gehen. Putin hatte bereits beim Russland-Afrika Gipfel 2019 gesagt, die "Stärkung der Verbindung zu den afrikanischen Ländern" sei eine der Prioritäten der russischen Außenpolitik. 



Anmerkung: 

Die Medienresonanzanalyse Mali  kann in zwei Fassungen hier gelesen werden: 

Einmal in der offiziellen, redigierten und veröffentlichten Form der Bundesregierung. 

Einmal als als Fassung mit allen unredigierten Rohdaten und Ableitungen. 





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